Erlebnisbericht einer Ultrawanderung

Matthias Schopp Mittwoch, 10. Mai 2023 von Matthias Schopp

Erlebnisbericht einer Ultrawanderung

Der Querweg Schwarzwald - Kaiserstuhl - Rhein verbindet auf einer Länge von 112 km die Städte Donaueschingen und Breisach.

Im Gegensatz zu vielen anderen Fernwanderwegen der Region sind bei dieser Strecke kaum nennenswerte Höhenunterschiede zu überwinden, sodass er sich ideal für eine Nonstop-Langstreckenwanderung anbietet.

Aber warum unternehme ich überhaupt solch eine Ochsentour? Der Grund ist eigentlich ganz einfach: Ich brauchte ein ZIEL. Vor gut zwei Monaten hatte ich eine Coronainfektion überstanden und wollte mich danach schrittweise wieder fit bekommen. Also unternahm ich erste Trainingstouren. 4 km, 7 km, 10 km. Nach und nach konnte ich mich auf längere Distanzen trainieren, ohne dabei den Körper nach dem Virus zu überfordern. Das Ziel einmal mehr als 100 km am Stück zu wandern, war Motivation genug um wieder richtig fit zu werden. Und dann?

Ja dann ...


"Dann musste ich nur noch loslaufen ..."

Donaueschingen - Herzogenweiler

Mit dem Zug sowie gehörigem Respekt fahre ich morgens zum östlichen Startpunkt. Vom Bahnhof in Donaueschingen geht's zunächst am Geologischen Garten vorbei zur Brigach und flussaufwärts auf einem Fußweg weiter. Enten und Schwäne planschen gemütlich im seichten Nass. Die Brigach begleitet mich nach Aufen, dann steht mit dem Eichbuck der erste kleine Buckel auf dem Programm. Dessen Überschreitung bringt mich nach Wolterdingen im Tal der Breg. Zu Beginn achte ich darauf, dass ich sehr konsequent alle 5 km eine Trink- und alle 10 km auch eine Essenspause einlege. Mit 4,5 Litern gestartet schwinden die Wasservorräte allerdings wie das Eis in der Sonne. Auf dem Friedhof in Wolterdingen tanke ich daher schnell nach, bevor es mir so geht wie den meisten um mich herum...
Der Abschnitt über die Baar hat mit "Schwarzwald" natürlich wenig zu tun. Großteils laufe ich über offene Feldflur und damit immer in der prallen Sonne. So auch auf dem nächsten Stück nach Tannheim. Vor einem Haus sitzt ein Handwerker in der Pause. "Wo läufst du denn hin?" "Nach Breisach." "Oh mein Gott, da musst du ja durch den Wald..." Ja, das würde ich in der Tat gerne, Schatten würde es jetzt bringen. Doch selbst im Wald ist der kein dauerhafter Begleiter, denn die Forstwege sind oft dermaßen breit, dass Schatten Mangelware bleibt. Vorbei an den hübschen Spitalhöfen erreiche ich Herzogenweiler. Hier und da sind Schilder nur spärlich vorhanden, auch verwildern einige Wegpassagen etwas, sodass ich mich zweimal kurz verlaufe und mir im hohen Gras zwei Zecken einfange. Nicht genug der Pein, einige Forstautobahnen wurden frisch präpariert.

"Ich fühle mich wie ein Fakir."

Vöhrenbach bis Gütenbach

Da kommt mir die Sankt Michaelskapelle oberhalb von Vöhrenbach gerade recht um für Beistand zu bitten. Irgendwo riecht es nach Grillfleisch, äußerst gemein. Leider hat auch der örtliche Metzger bereits geschlossen, ein Fleischkäsweckle wäre gerade eine echte Motivation gewesen. Überhaupt das Thema Essen: Selten empfinde ich so große Unterschiede zwischen Hunger und Appetit. Deshalb kann man meiner Meinung nach nur bedingt Lebensmittel mitnehmen – man weiß einfach nie genau, was man während der Tour wirklich zu sich nehmen möchte. Dennoch muss man die Kalorien ja irgendwie ausgleichen (laut meiner Uhr am Ende übrigens mehr als 12.500 kcal).
Entlang der Breg schlendere ich hinüber nach Furtwangen. Hier folgt der Querweg dem Donauradweg. Ein Schild informiert mich darüber, dass der Weg bis Bratislava gut befahrbar sei. Danke, aber so weit brauche ich dann doch nicht. Für mich ist der örtliche LIDL das Zwischenziel meiner Träume. Hier gibt es Essen und Getränke im Überfluss. Zudem liegt der Laden unmittelbar an der Route. Es ist 18:30 Uhr und ich halte meinen Plan beinahe auf die Minute ein.
Nach Überquerung der B500 erreiche ich den Westweg und folge kurzzeitig auch der roten Raute auf weißem Grund. Vom Staatsberg schweift der Blick über Furtwangen und die Umgebung. Auch der Feldberg ist zu sehen. Nur 40 km wären es nach Hause, aber ich bleibe standhaft. Der längste Abstieg der Tour beginnt in Richtung Gütenbach. Anschließend folgt ein attraktiveres Wegstück: Durch die Teichschlucht leitet ein schöner Wanderpfad.

"Mittlerweile ist die Sonne untergegangen und die abendliche Kühle verleiht mir neuen Auftrieb."

Wilde Gutach Tal bis Simonswald

Bei der Pfaffmühle betrete ich das Tal der Wilden Gutach und wünsche den daheimgebliebenen Unterstützern eine gute Nacht. Der folgende Abschnitt machte mir vor der Tour die meisten Sorgen, denn etliche Bauernhöfe werden unmittelbar passiert. Was wird mich da wohl erwarten? Blutrünstige Hunde oder Bäuerinnen mit dem Nudelholz? Oder gar der Hofbesitzer mit seinem alten Karabiner? Nichts dergleichen, alles ist friedlich und ich einigermaßen entspannt. Wäre da nicht der rapide nachlassende Akku meines Smartphones. Glücklicherweise komme ich in Obersimonswald zu einem Bolzplatz wo einige Jugendliche aus dem Tal zelten. Der Mann mit der Stirnlampe fragt die leicht Erschrockenen nach einer Powerbank – ich werde nicht enttäuscht. Im Gegenteil bekomme ich sogleich Wasser und Chips angeboten. So plaudere ich einige Minuten mit den sehr netten und höflichen jungen Leuten und mache mich mit 80% Akku auf den Weiterweg. Der nächste ungeplante Zwischenstopp lässt nicht lange auf sich warten. Beim Gasthaus Rebstock brennt noch Licht. Vom Balkon aus werde ich angesprochen: "Läufst du den Zweitälersteig?" "Nein den Querweg." "Magst du hochkommen, kriegst auch was zu trinken". Zwei Minuten später sitze ich mit der Wirtsfamilie auf dem Balkon, trinke Cola, gönne dem Handy die restlichen 20% Akku und unterhalte mich angeregt über das Thema Fernwandern. Nach einer halben Stunde verabschiede ich mich von Michael und den anderen und sage zweimal Danke nach Obersimonswald.
Der weitere Trailverlauf im Tal der Wilden Gutach ist unspektakulär. Meist geht es wenig entfernt links und rechts vom Fluss talwärts. So passiere ich Simonswald und wenig später ein einsames Haus. Hier wird mir dann zum ersten und einzigen Mal mulmig. Bewegungsmelder, Zäune, Absperrband, Schilder - Ich suche schleunigst das Weite.

"Erste Wehwehchen nach 60 Kilometern."

Gutach bis Nimburg

Nebenbei beginne ich die zweite Hälfte meiner Tour. Die üblichen Wehwehchen stellen sich nach 60 km natürlich auch allmählich ein. Hier und da zwickt und scheuert es. In Gutach lasse ich das enge und dunkle Simonswälder Tal hinter mir und betrete das Elztal. In den Ortschaften gilt es, gut auf die spärlichen Markierungen zu achten. Unspektakulär laufe ich durch Waldkirch. Hier und da brennt noch Licht, auf der Straße ist jedoch niemand mehr unterwegs. Kein Wunder, es ist kurz nach 3 Uhr. Das Suchen und Finden der Wegmarkierungen hält mich zum Glück vom Nachdenken ab, sodass sich auch keine tiefe Müdigkeit einstellt. Während ich am Ufer der Elz entlang schlendere umgibt mich inmitten der Stille eine tolle Szenerie: Vor mir der Vollmond auf einer Wolkenbank während hinter mir ein Silberstreifen den neuen Tag ankündigt. Ein nächster kleiner Hügel durchbricht die Monotonie der Flachstrecke, es geht hinauf zur Ruine der Severinskapelle nebst herrlichem Pausenplatz. Obwohl es noch kühl ist nutze ich die Gelegenheit, mich der Bekleidung für die Nacht zu entledigen. Vermutlich würde der neue Tag noch mehr Hitze bringen als der gestrige, schließlich führt die Route nun in Richtung Kaiserstuhl.

Zunächst geht es jedoch durch Denzlingen hindurch. Der Ort erwacht gerade, die ersten Leute fahren zur Arbeit. Die Landschaft hat sich nun völlig verändert, vorbei sind die Täler und Höhenzüge, es ist alles topfeben. Zum Glück führt der Abschnitt durch ausgedehnte Waldgebiete. Das sogar auf teils lauschigen Pfaden, mehrheitlich natürlich auf klassischen Forstwegen. Nach Überqueren der A5 erreiche ich Nimburg und befinde mich etwa 20 Minuten hinter meinem Zeitplan. Dieser sah vor, dass ich um 7 Uhr beim örtlichen Netto bin. Der macht nämlich exakt um diese Zeit auf. Der abendliche Einkauf in Furtwangen und der jetzige waren meine zeitlichen Fixpunkte auf der Tour. Für die paar Getränke dauert der Einkauf ewig. Ich nutze die Zeit für Dehnübungen und schäme mich, dass die Menschen hinter mir meinen nicht mehr taufrischen Körper ertragen müssen.

"100 gelaufene Kilometer. Hurra? "

Eichstetten bis Mondhalde

In Sichtweite des Kaiserstuhls strebt der Querweg Eichstetten zu. Entlang der alten Dreisam passiere ich landwirtschaftliche Nutzflächen, von denen einige gerade bewässert werden. Eine wunderbare Abkühlung gibt's gratis. In Eichstetten herrscht bereits große Betriebsamkeit, für mich beginnt nun die letzte und mit großem Abstand härteste Etappe dieser Ochsentour. Der Aufstieg erfolgt zunächst in den Weinbergen. Ostexponiert gibt's zu dieser Tageszeit Sonne reichlich. Meine Gehzeit reduziert sich zunehmend und nur mit Musik empfinde ich noch die Motivation weiterzulaufen. Wie eine Oase in der Wüste kommt mir der Wald vor, mit dem die höchsten Teile des Kaiserstuhls bestanden sind. Durchschnaufen am Bahlinger Eck, dann weiter hinauf auf den Katharinenberg. Ich raste nur kurz und mache mich gleich auf den Weiterweg, der immer am Kamm des kleinen Vulkangebirges entlangführt. Und dann ist es soweit: Meine GPS-Uhr vermeldet 100 gelaufene Kilometer. Hurra? Nichts dergleichen, einfach nur weiter! Schelinger Viehweide, Staffelberg, Texaspass heißen die nächsten Zwischenziele, dann hinab zum Pavillon auf der Mondhalde. Die Uhr zeigt beim Laufen 37°C an. Die Schattentemperatur ist natürlich geringer, leider gibt's aber auch keinen Schatten, und daran wird sich bis ins Ziel auch nichts mehr ändern.

"Ein enormes Glücksgefühl kommt in mir auf."

Oberrotweil bis Breisach

Um die Mittagszeit laufe ich in Oberrotweil ein. Jeder Brunnen am Weg wird nun genutzt um meinen Kopf so gut es geht zu kühlen. Aufhören ist wegen der Hitze eine echte Option. Ich hadere, entschließe mich dann aber doch dazu, weiterzulaufen. Nochmal stellt sich ein fieser Anstieg in den Weg. Eigentlich nur lächerliche 2,5 km und 150 Hm, für die ich unterwegs zwei Trinkpausen benötige. Der höchste Punkt dieses Anstiegs liegt am Schneckenberg, wie wahr... Dann steil hinunter nach Achkarren und den Dorfbrunnen ausgetrunken. Obwohl noch reichlich Getränke in Form von Cola und Mineralwasser im Rucksack sind, bekomme ich außer stillem Wasser nichts mehr runter. Gegessen habe ich seit Stunden nicht mehr. Nach 109 km spüre ich einen stechenden Schmerz. Da habe ich mir doch tatsächlich die erste Blase gelaufen... Der Weg zum Achkarrer Bahnhof erfolgt auf Asphalt und ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. Würde ich in den Zug einsteigen könnte ich mir eine Stunde Gehzeit sparen, würde mich aber vermutlich bis zum Sankt Nimmerleinstag ärgern. Also reiße ich mich zusammen. Schnurgerade zieht sich die Strecke zum Badischen Winzerkeller. Es riecht nach Asphalt und ich schwöre mir, so etwas nie wieder zu machen. Am Ortsrand von Breisach keine Spur von Euphorie, nur nochmal eine Etappe durch das Industriegebiet. Dann endlich, das Ziel in Sicht. Am Bahnhof von Breisach kommt tatsächlich für einen Moment ein enormes Glücksgefühl auf.

Bei 115,4 km klickt der Knopf meiner Uhr, nach genau 29 Stunden, 8 Minuten und 5 Sekunden habe ich mein Ziel erreicht.

"haben auch Sie Lust, sich ein Ziel zu setzen?"

Auf der Rückfahrt ist der Zug proppevoll, dem 9-Euro-Ticket sei Dank. Zeit zum Nachdenken hatte ich unterwegs eigentlich genug, wenngleich sich die Sinne irgendwann nur noch auf das Erreichen des Ziels fokussierten. Aber jetzt habe ich es geschafft, jetzt kann ich ankommen und ein erstes Resümee ziehen.

War es das wert? Was ist der Lohn für die Strapazen?

Trotz der allumfassenden Schmerzen breitet sich das Glücksgefühl mehr und mehr in mir aus. Vor 10 Wochen schien das gesetzte Ziel utopisch, jetzt ist es geschafft. Bereits die Vorbereitung hat dank der tollen Touren Spaß gemacht. Ich bin dankbar, dass mein Körper mir diese Ochsentour gestattet hat, und ich gelobe, ihm die nächsten Tage Entspannung zu gönnen. Nicht zuletzt bin ich auch ein wenig stolz, mir ein Ziel gesetzt und es durchgezogen zu haben.

Welches Ziel das ist, spielt letztlich keine Rolle.


Wandermarathon - 42 Kilometer - ein ZIEL für Sie?

Haben auch Sie Lust, eine ähnliche Erfahrung zu machen? Dann kommen Sie doch mit auf unseren Schwarzwald Wander-Halbmarathon ST. PETER am 16. September 2023 oder Schwarzwald Wandermarathon Herzogenhorn am 24. September 2023.

Ich bin dabei!

Ihr Matthias Schopp

Matthias Schopp ist SCHNEESCHUH Akademie Guide und Wanderbuch Autor

Zur Vorbereitung auf eine Langstreckenwanderung sollten Sie mehrere, kürzere Strecken vorab laufen. Er empfiehlt das Buch Wanderführer Schwarzwald Süd, erhältlich im Online Shop des Rother Verlag. Dort finden Sie 60 tolle Wanderstrecken zwischen Freiburg und Basel.

Besuchen Sie ihn auch gerne auf seiner Homepage


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