Warum manche Menschen ihre Naturerlebnisse leben – und andere seit Jahren davon sprechen

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Team SCHNEESCHUH Akademie Dienstag, 16. Juni 2026 von Team SCHNEESCHUH Akademie

Der Mythos vom richtigen Zeitpunkt

Eine Beobachtung, die mich nicht mehr losließ

Vor einigen Tagen ergaben sich unabhängig voneinander zwei Gespräche, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hatten.

Elsbeth erzählte mir, dass sie in diesem Jahr bereits zum siebten Mal bei einer unserer Marathonwanderungen dabei ist.

Wenig später sprach ich mit Ewald. Auch er gehört inzwischen zu den vertrauten Gesichtern unserer Veranstaltungen und ist in diesem Jahr bereits zum vierten Mal an den Start gegangen.

Nun sind sieben oder vier Teilnahmen für sich genommen keine spektakulären Zahlen. Sie taugen weder für einen Eintrag ins Guinness-Buch noch für eine sportliche Heldengeschichte. Und dennoch blieb ich gedanklich daran hängen.

Nicht wegen der Zahlen. Sondern wegen der Frage, die dahintersteckt.

Elsbeth und Ewald kennen sich nicht. Sie verbindet keine gemeinsame Geschichte, keine gemeinsame Anmeldung und vermutlich nicht einmal dieselbe Motivation.

Und doch haben beide irgendwann dieselbe Entscheidung getroffen. Sie sind losgegangen.

Nicht einmal. Sondern immer wieder.

Das merkwürdige Leben unserer Wünsche

Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr fiel mir auf, wie viele Wünsche ein erstaunlich zähes Eigenleben führen.

Sie verschwinden nicht. Sie werden auch nicht aufgegeben. Sie bleiben einfach irgendwo im Hintergrund.

Man würde gerne wieder häufiger in die Natur. Man möchte endlich einmal diese längere Wanderung angehen. Man nimmt sich vor, öfter Zeit für Dinge einzuplanen, die einem wirklich guttun.

Die meisten dieser Wünsche sind weder unrealistisch noch besonders kompliziert. Dennoch verbringen manche von ihnen Jahre auf der persönlichen Warteliste. Nicht, weil sie unmöglich wären. Sondern weil ihnen etwas Entscheidendes fehlt: ein Termin.

Die erstaunliche Karriere des Wortes „eigentlich“

Auffällig ist dabei ein kleines Wort, das sich hartnäckig in viele Gespräche einschleicht.

Eigentlich.

Eigentlich wollte man schon längst wieder öfter wandern. Eigentlich wäre eine Auszeit in der Natur längst überfällig. Eigentlich sollte man sich dafür viel häufiger Zeit nehmen.

Das Wort klingt freundlich und vernünftig. Es widerspricht niemandem, setzt niemanden unter Druck und lässt alle Möglichkeiten offen.

Vielleicht ist genau das sein Problem. Denn während viele Entscheidungen Klarheit schaffen, hält „eigentlich“ die Dinge in einem angenehmen Schwebezustand.

Nichts ist abgesagt. Aber auch nichts ist entschieden.

Der richtige Zeitpunkt hat aus meiner Sicht einen schlechten Ruf verdient

Fast jeder kennt die Vorstellung, dass bestimmte Dinge irgendwann leichter werden.

Wenn es beruflich ruhiger wird. Wenn die Kinder größer sind. Wenn das nächste Projekt abgeschlossen ist. Wenn der Kalender endlich einmal etwas Luft lässt.

Nur scheint dieser berühmte richtige Zeitpunkt eine bemerkenswerte Begabung dafür zu besitzen, niemals ganz anzukommen.

Das Leben wird nicht automatisch übersichtlicher. Termine vermehren sich mit einer Beharrlichkeit, die man eher von Kaninchen erwartet.

Und freie Zeit entsteht selten dort, wo man sie geduldig erwartet.

Was Menschen wie Elsbeth und Ewald vielleicht anders machen

Je länger ich über die beiden nachdachte, desto weniger glaubte ich an große Erklärungen.

Weder Elsbeth noch Ewald wirken auf mich wie Menschen, die morgens mit grenzenloser Energie aus dem Bett springen und jede freie Minute für neue Abenteuer nutzen. Vermutlich führen beide ein Leben, das dem vieler anderer Menschen erstaunlich ähnlich ist.

Mit Verpflichtungen. Mit Terminen. Mit Dingen, die erledigt werden müssen. Mit Tagen, an denen das Sofa die deutlich überzeugenderen Argumente vorbringt als ein Paar Wanderschuhe.

Und trotzdem stehen sie irgendwann wieder am Start.

Vielleicht nicht, weil sie motivierter sind. Vielleicht auch nicht, weil sie mehr Zeit haben.

Sondern weil sie irgendwann aufgehört haben, darauf zu warten, dass sich Zeit von selbst ergibt.

Aus einem Gedanken wird ein Erlebnis

Viele Naturerlebnisse beginnen lange vor dem ersten Schritt auf einem Wanderweg.

Sie beginnen mit einer Entscheidung. Mit einer Anmeldung. Mit einem Eintrag im Kalender. Mit dem Entschluss, einem Wunsch einen festen Platz im Leben einzuräumen.

Das klingt unspektakulär. Ist es vermutlich auch. Doch gerade die unspektakulären Entscheidungen sind oft diejenigen, die später die schönsten Erinnerungen hervorbringen.

Denn aus einer Anmeldung wird Vorfreude. Aus Vorfreude werden Vorbereitungen.

Und irgendwann wird aus einem Gedanken ein Tag, an den man sich noch lange erinnert.

Warum die Erinnerung selten von Kilometern handelt

Wenn wir nach unseren Veranstaltungen mit Teilnehmern sprechen, geht es erstaunlich selten um Streckenlängen oder Durchschnittsgeschwindigkeiten. Natürlich werden auch diese Themen erwähnt.

Doch viel häufiger erzählen Menschen von Begegnungen. Von Gesprächen. Von einem Sonnenaufgang. Von einem Nebelfeld über einer Wiese. Von einem Moment der Ruhe, der sich nicht planen ließ.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft von Naturerlebnissen.

Sie schenken uns nicht nur Bewegung. Sie schenken uns Erinnerungen.

Und Erinnerungen entstehen bekanntlich nicht irgendwann. Sondern immer nur dann, wenn wir tatsächlich losgehen.

Eine Frage, die bleibt

Elsbeth wird in diesem Jahr zum siebten Mal dabei gewesen sein. Ewald zum vierten Mal.

Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger interessieren mich die Zahlen selbst.

Interessant ist vielmehr, dass beide irgendwann denselben Schritt gemacht haben. Sie haben aufgehört, darauf zu warten, dass der richtige Zeitpunkt von allein auftaucht.

Und vielleicht ist genau das die Frage, die sich jeder von uns von Zeit zu Zeit stellen darf:

Welche Erlebnisse stehen seit Jahren auf meiner Wunschliste?

Und worauf warte ich eigentlich noch?

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