Warum spielt die Gruppengröße bei einer geführten Wanderung oft eine untergeordnete Rolle?
„Hoffentlich sind wir heute keine vierzig Leute.“
Diesen Satz hören wir immer wieder. Viele Gäste stellen sich unter einer größeren Wandergruppe einen langen Pulk vor, bei dem man ständig warten muss und kaum noch Natur genießen kann.
Nach vielen Jahren als Wanderführer schmunzeln wir bei dieser Frage oft ein wenig. Nicht, weil sie unbegründet wäre – sondern weil unsere Erfahrung immer wieder etwas anderes zeigt.
Die kurze Antwort
Die Teilnehmerzahl allein entscheidet erstaunlich selten darüber, wie eine Wanderung erlebt wird.
Viel wichtiger ist, welche Menschen an diesem Tag gemeinsam unterwegs sind.
In den vergangenen Jahren haben wir Wanderungen mit einem einzelnen Gast begleitet und Veranstaltungen mit fast zweihundert Teilnehmern durchgeführt.
Wer jetzt vermutet, dass die größten Gruppen automatisch auch die schwierigsten waren, liegt erstaunlich oft daneben.
Natürlich braucht eine große Gruppe eine gute Organisation. Dafür sind wir als Wanderführer da.
Ob eine Wanderung aber lebendig, entspannt oder besonders wird, entscheidet sich meist ganz woanders.
Manche Gruppen finden schon nach wenigen Minuten ihren gemeinsamen Rhythmus. Andere bleiben lieber in kleinen Grüppchen zusammen. Wieder andere genießen einfach die Stille des Schwarzwaldes.
Und manchmal entwickelt sich unterwegs eine Eigendynamik, die vorher niemand hätte planen können.
Für uns ist eine Gruppe deshalb nie einfach nur eine Zahl.
Wir achten darauf, wie die Menschen miteinander unterwegs sind. Wie schnell wird gelaufen? Bleibt jemand gern stehen, um die Aussicht zu genießen? Entstehen Gespräche? Fühlt sich jeder wohl?
Genau daraus entwickelt sich eine Wanderung.
Nicht aus der Teilnehmerliste.
Bei größeren Gruppen gibt es allerdings eine Aufgabe, die uns Wanderführer ständig begleitet.
Wir zählen.
Sind noch alle da?
Hat an der letzten Abzweigung niemand den falschen Weg genommen?
Fehlt vielleicht jemand?
Die Antwort lautet fast immer: Nein.
Jemand macht nur schnell ein Foto.
Jemand bindet den Schuh.
Jemand telefoniert kurz.
Oder jemand verschwindet für einen Moment hinter dem Busch.
Genau daraus entstand bei einer unserer größeren Wanderungen ein Running Gag. Kaum hatten wir einmal nachgezählt, kam die Frage schon aus der Gruppe: „ Ist noch jemand hinter dem Busch? “
Von diesem Moment an wanderte dieser Satz mit uns durch den ganzen Tag. Egal ob jemand fotografierte, die Jacke auszog oder einfach ein paar Schritte zurückblieb um sich mit jemandem zu unterhalten – irgendwo fragte garantiert jemand lachend: „Ist noch jemand hinter dem Busch?“
Und genau das ist bis heute das Erste, woran wir denken, wenn wir an diese große Gruppe zurückdenken.
Nicht an die Teilnehmerzahl.
Nicht an die Organisation.
Sondern an einen Satz, über den am Ende alle gemeinsam gelacht haben.
Ob eine geführte Wanderung besonders wird, entscheidet sich nur selten an der Größe der Gruppe.
Unsere Erfahrung zeigt: Es sind die Menschen, ihre Begegnungen und die kleinen gemeinsamen Erlebnisse unterwegs, die einer Wanderung ihren Charakter geben.
Deshalb gleicht im Schwarzwald keine geführte Tour der anderen – ganz gleich, ob wir mit vier oder mit hundertvierzig Gästen unterwegs sind.